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Selbsterkenntnis - Bewußtheit - Selbstentfaltung

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Vierter Weg

Von Georg Iwanowitsch Gurdjieff und Peter D. Ouspensky zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Rußland vorgestelltes Lehrsystem zur Selbsterkenntnis und Bewußtwerdung. Parallel und zugleich unabhängig davon wird der Begriff auch im Sufi-Kontext verwendet.

Georg I. Gurdjieff war ein einflußreicher spiritueller Lehrer mit Wissen aus zahlreichen, alten Weisheitslehren. Als „Vierten Weg“ bezeichnete er die Möglichkeit, sich im eigenen, alltäglichen Umfeld bewußt zu werden und aus dem Schlaf der eigenen Automatismen und Gewohnheiten zu erwachen. Der Name soll den Gegensatz verdeutlichen zu den drei Wegen abseits des normalen Lebens, die er als die Wege von Fakir, Mönch und Yogi beschrieb.

Peter D. Ouspensky war ein Schüler Gurdjieffs. Von ihm stammen wichtige Aufzeichnungen und Erfahrungsberichte.

Arbeitsgruppen des Vierten Weges

In echten, lebendigen Arbeitsgruppen des Vierten Weges werden die Hinweise von Gurdjieff und Ouspensky bearbeitet. Es kommt dort darauf an, aktiv deren Grundlagen zu erforschen, indem die vorhandenen Hinweise dazu genutzt werden, neue und aufschlußreiche Erfahrungen zu machen.

Solche Arbeitsgruppen funktionieren anders als gewohnte Einrichtungen des normalen Lebens, entsprechen aber auch keinen klischeehaften Vorstellungen von spirituellen Gruppen und Weisheitslehren.

In Arbeitsgruppen geht es um die Praxis und das daraus erwachsende Verständnis des Erwachens. Durch eigene Mitarbeit können Teilnehmer die Wirkung gegebener Anstöße nachvollziehen und sich damit selbst von deren Wirksamkeit und Richtigkeit überzeugen. Die Arbeit basiert also auf praktischer Überprüfung und fundiertem eigenen Verstehen, nicht auf Glauben oder auf rein intellektuellen Schlußfolgerungen.

Die Zusammenarbeit in Gruppen folgt einer Notwendigkeit, denn es ist für den einzelnen praktisch unmöglich, sich der Selbsterkenntnis zu stellen, ohne auf seine eigenen inneren Ausreden, Blockaden und Gewohnheiten hereinzufallen. Im offenen und vertrauensvollen Austausch in einer Gruppe können Irrtümer und Selbsttäuschungen erkannt und ausgeglichen werden.

Arbeitsgruppen sind organisiert von einem Leiter, der mit den Ausflüchten des falschen Selbstbildes durch eigene Anschauung genügend vertraut ist, und der die notwendige Bewußtheit und Wachheit für die Führung besitzt.

Klosterleben und Alltagsleben

Zuerst einmal muß man verstehen, worin der Unterschied zwischen dem Vierten Weg und herkömmlichen religiösen Lebensweisen besteht, wie sie hunderte von Jahren in den Klöstern des Christentums, des Buddhismus oder auch des Zen praktiziert wurden und in Einzelfällen noch praktiziert werden.

Die zwei entgegengesetzten Bedeutungssphären des Lebens

Nach alter traditioneller Sichtweise gab es stets einerseits die Alltagswelt mit ihrer fast ausschließlichen Orientierung auf Diesseitigkeit: Beruf, Familie, Freizeit, also mit Werten wie: Versorgung, Geld, Luxus, Vergnügen, Unterhaltung und Ablenkung, körperlichem und/oder geistigem Genuß. So ist es in der Regel auch wieder heute, in der modernen, technisierten Gesellschaft des materiellen Wohlstands und der Medienberieselung. In dieser Welt hat Bewußtwerdung keinen Platz, Wahrheitssuche und Selbstfindung noch weniger, und ein Ziel wie Erleuchtung wird geradezu als irreal, lächerlich und absurd angesehen.

Die andere Welt ist die des kompletten Verzichts auf alles „Weltliche“, und diese Welt hatte im Mittelalter ihre Hochblüte, als sich Tausende von Menschen hinter Klostermauern einschlossen und nur noch der religiösen Sinnsuche huldigten. Wer Mönch oder Nonne werden wollte, der hatte — im Christentum genauso wie im Buddhismus oder auch in anderen Religionen — auf Familie zu verzichten, damit konsequenterweise auch auf Sex; er hatte auf Reichtum und Besitz zu verzichten, hatte auf Vergnügungen, Reisen und Urlaube zu verzichten, mußte sich strengen Regeln unterwerfen und jeder individuellen Neigung rigoros entsagen. Dies war der Preis für seine Wahrheitssuche. Er mußte alles Äußerliche opfern, durfte sich nur noch dem Innern widmen, mußte sich unterordnen, dienen, gehorchen — man nannte das auch „entwerden“.

Das andere, weitgehend unbekannte Modell

Viele halten diese Trennung, dieses Entweder-Oder, auch heute noch für obligatorisch. Nur daß die Lebensweise des Mönchs als unzeitgemäß betrachtet wird und immer stärker ins Abseits gerät. Nicht selten wird sie sogar mitleidig belächelt. Gleichzeitig wurde aber auch die Wahrheitssuche geopfert. Sie kehrte dann in verkappter, inoffizieller, oft sogar unbewußter, jedenfalls nicht offen proklamierter Bedeutung wieder: als Tätigkeit in Kunst und Literatur oder Film, vielleicht auch als philosophisches oder wissenschaftliches Engagement. Wahrheitssuche „als Beruf“ gab und gibt es praktisch nicht mehr; selbst die Idee erscheint den meisten abwegig und befremdlich.

Das andere, weitgehend unbekannte Modell wird als Vierter Weg bezeichnet. Es läuft auf eine doppelbödige Version der spirituell orientierten Lebensweise hinaus: Äußerlich bleibt man Teil des Alltags, innerlich ist man Mönch bzw. folgt in seiner Rolle genau dem, was früher die eigentliche Bedeutung des Klosterlebens war: unbedingtes Streben nach Selbstfindung und Selbstverwirklichung. Dies richtig zu verstehen setzt aber eine Intelligenz voraus, die heute eher selten ist: Man muß es nämlich schaffen, zu unterscheiden zwischen dem äußeren Anschein der Rolle und dem inneren Bewußtsein dessen, der sie innehat. Also ähnlich dem Verständnis, warum ein Mensch als Schauspieler auf der Bühne etwas anderes tun, fühlen und darstellen kann als was er „eigentlich“ ist. Das heutige plumpe Denken setzt das immer absolut: Wie einer erscheint, ist er, und alles, was man von ihm weiß, merkt man ihm sofort an — da gibt es nichts dahinter.

Die Ebene des Bewußtseins aber gibt es sehr wohl dahinter. Was wirklich in einem Menschen passiert, weiß keiner, außer man geht bei sich selbst tief genug ins Innere — erst dann kann man es nachvollziehen und verstehen. Bleibt man aber an der Oberfläche, so sieht man auch im anderen nur dessen Oberfläche.

Die gleiche Intensität

Wichtig ist auch, zu verstehen, daß im Vierten Weg die gleiche Intensität vorhanden ist (bzw. erforderlich ist) wie bei den früheren Mönchen. Ansonsten wäre der Betreffende nur ein Parallelfall zu denjenigen typisch-christlichen Kirchgängern, die sonntagmorgens ein bißchen Glockengeläut und Pfarrerpredigt über sich ergehen lassen, nur um beim Nachhauseweg alles schnell wieder zu vergessen. Er befände sich dann nicht im Kontext des Vierten Weges, sondern wäre das, was heutige Anhänger von Esoterik-Moden und New Age sind: ein bloß oberflächlich Interessierter, ein Randläufer und Schmarotzer, der echter innerer Transformation aus dem Weg geht.

Vielleicht ist der Vierte Weg heute die einzig vernünftige und realistische Art des Mönchseins. Wer nämlich vollständig in der Welt, im Alltagsleben und innerhalb einer selbstvergessenen Gesellschaft leben kann und zugleich vollständig seinem eigentlichen Ziel hingegeben, der ist stärker und lernt mehr als ein weltflüchtiger Asket. Bei den Sufis gibt es dazu den schönen Merksatz: „Sei in der Welt, aber nicht von der Welt.“

Schulen des Vierten Weges

Auch Innere Schulen des Vierten Weges sind im Alltagsleben eingebettet. Aber sie sind nicht davon beeinflußt. Sondern im Gegenteil: Da sie auf einer höheren Bewußtseinsstufe arbeiten, wirken sie auf das Alltagsleben auf subtile, hintergründige, aber durchaus effektive Weise zurück. Sie filtern diejenigen Interessenten aus dem Alltagstrubel heraus, die mehr und Besseres suchen, und liefern ihnen die notwendigen Anstöße, um tieferes Verständnis zu erlangen und den eigentlichen Sinn des Daseins zielstrebig zu realisieren.

Arbeitssprache des Vierten Weges

Nach Gurdjieff erhalten Begriffe der gewöhnlichen Sprache in der Arbeit des Vierten Weges eine andere, tiefere Bedeutung. Diese erschließt sich nach und nach, wenn sich entsprechendes Verständnis entwickelt hat. Mit Hilfe dieser Sprache (→ Arbeitssprache) können sich aktive Teilnehmer dieser Arbeit präziser und effektiver verständigen, da die benutzten Begriffe nicht, wie im Alltagsleben, eine beliebige Bedeutung haben, die auf gesellschaftliche Normen und Dogmen bezogen ist, sondern im Kontext von Bewußtwerdung benutzt werden und dort als effektives Werkzeug dienen können.

Siehe:

Literatur

Film

Marco Holmer, 21.10.2007; Götz Vollweiler, 22.10.2007 (aus NR-Wiki)
GLR, 22.9.2008
Gerd-Lothar Reschke 02.05.2019 20:44

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vierter_weg.txt · Zuletzt geändert: 03.05.2019 08:32 von gerdlothar

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