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Weltbild

Das falsche Weltbild: Die fundamentale Selbsttäuschung und ihre Auflösung

Der Grund-Irrtum

Gibt es eine Wirklichkeit getrennt und außerhalb von einem selbst? Ich, als Körper, sterbe, und dann existiert „die Welt“ ohne mich weiter? Und es hat sie auch schon vor meiner Geburt gegeben? So zu denken ist der weitverbreitete Irrtum. Außerdem reagieren alle, die so denken, mit dem automatischen Reflex, den abweichenden Standpunkt für „verrückt“ zu erklären. Wer nicht an die Existenz einer von einem selbst unabhängigen Wirklichkeit glaubt, sei „verrückt“ und man könne mit ihm nicht reden, ihn nicht ernst nehmen. Außerdem sei solches (abweichende) Denken absurd und unsinnig. „Keiner“ denke so. Denn es stehe in krassem Gegensatz zu allem, was Menschen anzunehmen gewohnt seien.

Und doch ist genau jenes Weltbild der angeblich „objektiven“, außerhalb von einem selbst existierenden Wirklichkeit in sich absurd, widersprüchlich und unsinnig, und die direkte Folge davon ist ein Gefühl der Sinnlosigkeit, Aussichtslosigkeit, Selbstabwertung und Verwirrung. Diese Art zu denken ist selbst verrückt — nämlich aus dem Zentrum der Wahrheit ver-rückt. Wie soll ohne einen Betrachter ein Betrachtetes möglich sein? Wahrnehmung ohne einen, der wahrnimmt, ist unmöglich, das müßte doch jedem sofort als selbstverständlich einleuchten.

Der Mechanismus der Außenprojektion

Es ist wichtig, sich den ganzen Zusammenhang neu klarzumachen. Die Vorstellung einer unabhängig existierenden „Außenwelt“ resultiert direkt aus der Selbstidentifikation mit dem „eigenen“ Körper. Irgendwann in früher Kindheit gewöhnte sich der Mensch an, von seinem Körper als „ich“ zu sprechen; der Körper erhielt einen Namen, und so verfestigte sich durch wiederholtes Anrufen und Identifizieren die Vorstellung, der betreffende Körper zu sein und die anderen Körper und Eindrücke nicht zu sein. Von da an ist die Wahrnehmung zwiegespalten. Nun gibt es das „Eigene“ und das „Fremde“. Es tauchen die „Anderen“ auf, die natürlich „ganz anders“ sind als man selbst.

Auch dieses Modell läßt sich wieder ganz leicht widerlegen: Wie könnte man denn etwas als „Anderes“, also als andersartig als man selbst qualifizieren, wenn man dieses Andere nie in sich selbst erlebt und identifiziert hätte? Wie könnte es überhaupt etwas Fremdes geben, wenn man es noch nie selbst erlebt und wahrgenommen hätte? Natürlich ist auch diese Vorstellung absurd und widersinnig. Die Wahrnehmung des „Anderen“ ist nichts anderes als Teil meiner eigenen Art wahrzunehmen und zu denken, zu fühlen und zu bewerten. Heute denke ich so vom „Anderen“, dann ist er so — morgen denke ich anders von ihm, dann ist er so, und entsprechend ändert sich im Laufe meines Lebens und meiner eigenen Erfahrungen auch ständig dieses Bild vom „Anderen“, und wenn ich mir am Ende den ganzen Werdegang dieser Projektion — denn genau das ist es! — anschaue, so erfahre ich genau, wie ich meine eigenen Meinungen und Anschauungen im vermeintlich fremden Objekt gespiegelt habe. Und überhaupt ist der „Andere“ nur deshalb ein „Anderer“ geworden, weil ich Dinge bei mir selbst nicht sehen wollte, sondern abgespalten habe.

Die Grundangst des Ich

Das Ich sitzt in seinem eigenen Käfig, den es sich durch die Selbstidentifikation mit Körper und Namen geschaffen hat. Hier das Ich, dort das Leben. Und dann stellt sich Angst ein: der Wassertropfen entwickelt einen regelrechten Horror davor, in der Ganzheit des Meeres aufzugehen, denn dann würde ja auch seine falsche Vorstellung von sich selbst zerstört werden. Aus dieser Angst wiederum, die durch keinerlei Verhaltensweise und Ablenkung wieder ausgetilgt werden kann, entwickelt sich Aggression, entwickeln sich Druck, Streß, Neid, Frustration und schließlich Haß und Verbitterung. Oder die Frustration verlagert sich in Gier, Genuß- und Konsumsucht. All das ist zwangsläufige Folge des falschen Weltbildes, denn die Balance zwischen dem, was einer ist, und dem, was er meint, daß er sei, ist gestört.

Gefangen in Welt-Anschauungen

Aus der inneren Not des Ichs heraus und als direkte Folge der aus der (vermeintlichen) Getrenntheit entstehenden Spannung entsteht das, was „Politik“ und „Religion“ genannt wird. Das sind die Hauptbetätigungsfelder der Selbsttäuschung. Konventionell-politisches und konventionell-religiöses Denken ist immer von Neid, Ablehnung und Haß geprägt, ganz gleich, welches humane Mäntelchen es sich umzuhängen versucht. Denn hier geht es erst recht um die „Welt“ und um die „Anderen“. Hier beginnen sich die falschen Vorstellungen zu dichten Mauern zu verfestigen, die undurchdringlicher sind als jeglicher Beton oder Stahl. Alles beginnt nun im Kontext der falschen Logik abzulaufen. Es wird von Zukunft, Befriedung und Glück geredet — immer vor dem Hintergrund der Trennung zwischen Ich und Welt. Wer von dieser Krankheit erwischt worden ist, kommt vom falschen Streben nicht mehr los. Er schmort im eigenen Saft, im Saft seiner ganz persönlichen Wahnvorstellung der Getrenntheit von Subjekt und Objekt.

Rückkehr in die Einheit

Die Lösung kann nur darin bestehen, den gesamten Zusammenhang als solchen neu zu betrachten und sich aus der allzulangen Hypnose der falschen Weltsicht zu lösen. Diese Weltsicht ist nichts als ein Alptraum, und wer sich dieses Alptraums wieder gewahr wird, der entrinnt seinem Bann. Er kommt wieder nachhause in die Einheit, die nie wirklich zerbrochen war, außer in seiner Vorstellung. Diese Rückkehr ist kein willentlicher Akt, sondern ein Zulassen dessen, was ist und immer schon war. Was in der Getrenntheit und als Reaktion darauf unternommen wird, ist immer falsch, ganz egal, mit wie guten Absichten es auch immer unternommen wird — und was in der Einheit geschieht, ist immer richtig, denn es ist das Ganze, das sich darin ausdrückt.

Mißverständnisse — kommentiert

Es lohnt sich sicher, hier noch etwas mehr und expliziter auf die üblichen, durch das falsche Weltbild verursachten Mißverständnisse einzugehen.

Erleuchtung

… ist das, was sich der spirituell interessierte Mensch, oder derjenige, der sich eine ultimative Beglückung mit Beendigung aller Leiden und Konflikte ersehnt, als Zielvorstellung projiziert. Schließlich wird ja in soundsoviel Esoterik-Klassikern davon gesprochen — also müsse es das ja auch geben, denkt sich der für alles Neue Aufgeschlossene.

Wer oder was soll nun erleuchtet werden? „Ich“ natürlich, d.h. also „mein Ich“, „ich selbst“, „mein Selbst“. Und wer oder was ist das nun wieder? Derjenige, der „in“ diesem Körper ist. Die Seele, der Geist, meine Selbstvorstellung, also dasjenige, was von sich selbst etwas denkt. Hört es auf zu denken, z.B. im nächtlichen Tiefschlaf, dann hat es die Ambition sicher nicht; sie befällt es, wenn es sich in seinem Tagesbewußtsein als Zentrum und Bezugspunkt definiert. Dieses Zentrum soll erleuchtet werden — das ist dann der Gipfel aller Wunscherfüllungen. Für dieses Ich oder Selbst, diese Person.

Nun ist aber gerade dieser Bezugspunkt etwas, das in Wahrheit gar nicht existiert. Wie sollte es auch? Denn es kann ja nur existieren, wenn es als Gegenpol zum Außen der „Welt“, zum Außen aller „anderen Menschen“ existiert. Und genau da liegt der weiter oben als Grundirrtum beschriebene Haken. Wenn es kein Ich oder Selbst gibt, wer oder was sollte dann noch erleuchtet werden?

Die "Große Politik"

…: „Deutschland“, „Wir“, „Unser Land“, und neuerdings „Deutsche Weltpolitik“. Also das, was in allen Medien und Nachrichtenkanälen als der umfassende Orientierungswert einsuggeriert wird. Fußballweltweisterschaft, Olympiade (gewinnt Deutschand, gewinnen deutsche Sportler?), Politiker (Kanzlerin, Bundespräsident) und ihr Gebaren in der „Öffentlichkeit“. Welche Rolle spielt das, und was hat das wiederum mit einem selbst zu tun? Hier ist besonders gut die Verlagerung hin zum (vorgestellten) Außen zu betrachten — wie ein unmerkliches Absehen von der eigenen Gewahrsamkeit und Aufmerksamkeit stattfindet, wie Bedeutung und Verantwortung geopfert und nach außen projiziert werden. Als gäbe es dort Mächtige und Einflußreiche, während man selbst nur das unbedeutende kleine Etwas ist, das fast zu einem Nichts schwindet und nur noch Opfer ist, Spielball fremder Einflüsse und Kräfte.

Indem dieses Konstrukt inszeniert wird, wird zugleich und ganz direkt die Selbsttäuschung zementiert. Man schaut auf die, die „alle so denken“, „alle so sind“, auf dieses vermeintlich so wichtige Kollektiv mit seiner Kollektiv-Weltanschauung und seiner Kollektiv-Moral und seinen kollektiven Wertigkeiten und Zielsetzungen. Bereits in dieser Art des Schauens liegt der Selbstbetrug. Interessant wäre nun, sich über das Motiv zu diesem Selbstbetrug klar zu werden: Was ist der eigentliche Grund, so etwas zu tun? Was läuft hier genau ab, mit welchem Hintergrund?

Die Vorstellung von Macht, Einfluß und Fähigkeit zur Veränderung, also zu einem echten Eingreifen in den Gang der Dinge, ist die Kernvorstellung des isolierten Ich-Konzepts. Nur weil sich dieses Konzept (das eine grundlegende Illusion ist) etabliert, entsteht das Bedürfnis, korrigierend auf eine als getrennt empfundene „Außenwelt“ einzuwirken. Daraus resultiert wiederum der Verbesserungswunsch (der gerade in der deutschen Art zu denken besonders weit verbreitet ist). Die Dinge sind nicht in Ordnung und müssen bereinigt werden, überall gibt es Probleme und Aufgabenstellungen, also muß man das angehen.

Wer so denkt, dem entgeht die ganze Zeit über, in welchem Ausmaß er mit falschem Denken immer nur zur Verstärkung von Verwirrung, Verstrickung und Disharmonie beiträgt. Wie sollte auch aus einem Handeln, das direkte Konsequenz einer fundamentalen Täuschung ist, etwas Sinnvolles oder Hilfreiches erwachsen können? Wer die Dinge wirklich „in Ordnung“ bringen will, der muß zuallererst die eigene falsche Sichtweise in Ordnung bringen. Und dann wird ohnehin alles ganz anders aussehen.

Das Konzept "Gott"

… ist genauso imaginär wie das „Ich“-Konzept und stellt bei genauerer Untersuchung dessen nach außen projiziertes Gegenstück dar. „Gott“ als der „Allmächtige“ ist dann die nach außen verlagerte irrtümliche Vorstellung einer lenkenden, alles bestimmenden Macht. Die Folge dieser Vorstellung ist wiederum, daß sich das eine Konzept (vom Ich) an dem anderen Konzept (Gott) abzuarbeiten hat, indem es seine Beziehung dazu — möglichst zum eigenen Nutzen und Gewinn — zu klären versucht: durch Beten, Bitten, Anbiedern, Angst, Gehorsam oder auch durch Rebellion.

Die Schwierigkeiten des Ich bestehen darin, in den (eingebildeten, scheinbaren) „Aktionen“ Gottes etwas Sinnvolles und Gutes zu sehen, wo sie ihm doch gleichzeitig als fremdartiges und mitunter bedrohliches Chaos, als reine Willkür erscheinen mögen. Da das Konzept Gott nicht greifbar ist, versucht man es sich (zum Beispiel im Judentum und im Christentum) als Übervater mit tyrannisch-patriarchalischen Zügen vorzustellen, woraus wiederum klar hervorgeht, daß der verwirrte Mensch selbst Urheber seiner Wahnvorstellungen ist. Erst erschafft er sich seine Projektion, dann versucht er diese gnädig und gütig zu stimmen. Daß (und warum) er projiziert, hat er schon lange vergessen bzw. verdrängt.

Gerd-Lothar Reschke Frühjahr 2008
Gerd-Lothar Reschke 30.03.2019 11:26 (einkopiert aus NR-Wiki

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weltbild.txt · Zuletzt geändert: 30.03.2019 14:18 von gerdlothar

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